Ankunft in Michigan

Eine Woche ist es nun her, dass ich die Weltmetropole Henstedt-Ulzburg verlassen habe und ins kleine Hart gereist bin. Und obwohl ich noch fast ein ganzes Jahr vor mir habe, sind die Erfahrungen und Eindrücke die ich in dieser Zeit gesammelt habe einfach unglaublich.

Doch beginne ich bei der Anreise: Ich war zugegebenermaßen etwas skeptisch ob alles klappen würde. Zwar waren meine Umsteigezeiten in Kopenhagen und Chicago relativ lang, doch die Überprüfung und Verlängerung meines Visums würde vermutlich sehr lange dauern und damit könnte ich den letzten Flieger Richtung Grand Rapids für diesen Tag verpassen.
Etwas angespannt, voller Vorfreude aber auch etwas vom Abschied mitgenommen begann ich also meinen Trip nach Kopenhagen. Und dann hieß es erstmal warten, denn vor Ort blieben mir sage und schreibe 4 Stunden Zeit bis ich schließlich ins Flugzeug Richtung Chicago steigen würde. Zum Glück wurde ich ja vor meiner Abreise von Freunden mit Büchern und weiterem „Zeitvertreib“ versorgt, so dass die Zeit dann doch einigermaßen zügig verging. Leider fand ich erst zu spät heraus, dass der Flughafen eine riesige Shoppingmeile im Inneren hat, inklusive Restaurants, Schokobrunnen, Irish Pubs und vielem mehr! Schon doof wenn man keine Schilder lesen kann… Meine Mahlzeit bestand daher an diesem Tag zunächst nur aus einem Ham&Cheese-Sandwich und überteuertem Wasser.

Als es dann endlich ins Flugzeug ging, war ich zunächst etwas überrascht. Der Innenraum wirkte sehr abgenutzt, weit entfernt von den Bildern der Airline. Teilweise gab es noch nicht einmal Bildschirme in den Sitzen und falls doch, so funktionierte der Touchscreen höchstens in 1% der Fälle. Der Pilot meldete sich dann schließlich und entschuldigte sich fürs „Reserve-Flugzeug“, die Flugbegleiter teilten für alle fehlenden Displays Leih-iPads aus und ich konnte meinen Bildschirm schließlich auch überreden mir zumindest zwei Filme abzuspielen. Ich war einfach nur froh, dass ich nun auf dem Weg war und hoffentlich alles rechtzeitig schaffen würde (auch wenn die Nervosität wuchs). Die ständigen Ausblicke über verschneites Island, Grönland oder Kanada besänftigten mich dann allerdings immer wieder.

Und tatsächlich kam ich auch planmäßig in Chicago an. Leider war mir nur nicht bewusst, dass unser Flieger zunächst gefühlt durch halb Chicago fahren musste, um nach 15 Minuten dann endlich unsere Parkposition zu erreichen. Da ich eh bereits Zweifel an der Zeitplanung hatte, beruhigte mich diese Extrarunde nicht besonders und kam mir wie eine Ewigkeit vor. Als dann endlich die Türen aufgingen schritt ich schnellen Schrittes die schier endlos langen Gänge Richtung Zoll-/Einreisekontrolle entlang. Bestimmt viermal wurde ich in eine andere Warteschlage geschickt, doch schlussendlich kam ich nach relativ kurzer Wartezeit bei einem „Checkpoint-Häuschen“ an (jeder der schon einmal in die USA eigereist ist, weiß wovon ich spreche). Die bearbeitende Beamtin war noch halb im Gespräch mit Ihrem Kollegen und war nur halb an meinem Erzählten interessiert. Dass ich einen Stempel (bzw. Aufenthaltsgenehmigung) für 12 statt der gängigen 6 Monate benötige bekam sie jedenfalls nicht mit. Auf Nachfrage bestätigte sie mir, dass sie mir nur 6 Monate eingestempelt hätte. Zum Glück hatte man uns bei World-Horizon auf diese Situation vorbereitet, und so bestand ich freundlich darauf mit einem Supervisor zu sprechen. Sie genehmigte und ließ mich einer Kollegin folgen. Juhu einerseits – jemand würde sich meinen Fall angucken und hoffentlich bestätigen, ohh neiiin andererseits – das würde nun dauern und ich damit vermutlich meinen Anschlussflug verpassen.

Die Beamtin führte mich in einen recht kleinen Raum, der wie ein Mini-Oktoberfest für USA-Einreisende wirkte. Auf Bierbänken (oder zumindest ähnlich komfortabel gebauten Holzbänken) warteten mindestens 50 weitere übermüdete Leute auf die Bearbeitung ihrer Fälle. Paula (meine liebe „Vorgängerin“) hatte vor einem Jahr hier überdurchschnittlich viel Zeit verbracht und dadurch ihren Flug verpasst. Ich fürchtete dasselbe. Doch als ich es mir gerade „gemütlich“ machen wollte und mein Buch auspackte (Handys sind hier absolut verboten), wurde mein Name aufgerufen. Der Officer schaute mich nur an, reichte mir meinen Pass und sagte freundlich: „Okay, you got your 12 month!“. Nach einem kontrollierenden Blick in den Pass und einem leicht überraschtem „Thank you!“ hatte ich es dann geschafft, ich war offiziell in die USA eingereist! Nach einigen Schwierigkeiten beim Auffinden und erneuten Einchecken meines Koffers (das Gepäck wird bei internationalen Flügen in die USA nicht automatisch durchgecheckt), einer Bahnfahrt um das Flughafengelände und einer erneuten, dezent überfüllten Sicherheitskontrolle erreichte ich dann auch schließlich meinen letzten Flieger, welcher mich mit leichter Verspätung kurz nach Mitternacht in Grand Rapids absetzte.

Vor Ort wurde ich von meiner Gastmutter Kathleen, meiner Chefin Stephanie und meiner Vorgängerin Paula sehr herzlich empfangen. Danke nochmal an euch! Wir fuhren eine Stunde durch die Dunkelheit (Straßenlaternen gibt es hier höchstens in den Dörfern) bis wir letztendlich die ehemalige Farm am Ende der Zivilisation (mein Wohnort für die nächsten 12 Monate) erreichten. Da ich seit deutlich über 24 Stunden wach war und Kathleen und Paula verständlicherweise ebenfalls müde waren, ging es nach einer sehr schnellen Hausführung und einer kurzen Streicheleinheit der Hündin in dieser Nacht direkt ins Bett.

Obwohl man mir mehrfach versicherte, dass ich liegen bleiben könne, begleitete ich die beiden am nächsten Morgen bereits ins Center. Weder Mitarbeiter noch Senioren hatten mich an diesem Tag erwartet und so war die Überraschung umso größer, umso schöner. Jeder, und ich meine wirklich jeder, war super freundlich und hieß mich sofort willkommen. Es war wirklich ein schöner Empfang! Der Tag verlief dann eher ruhig für mich und bestand überwiegend daraus Leute kennenzulernen und mehr über meine Aufgaben und das Center zu erfahren.
Über die nächsten Tage gewöhnte ich mich dann langsam an meine Routine. Nach Arbeitsbeginn gegen 9 Uhr geht es erstmal ans Tische decken, wenn dann noch genug Zeit zum Lunch um 12 Uhr bleibt (was eigentlich immer der Fall ist) hat man entweder Zeit sich mit den lieben Leuten im Center zu unterhalten, oder man hilft in der Küche mit. Das Essen wird da übrigens immer vollständig selber und frisch gekocht und schmeckt auch dementsprechend lecker!
Die meisten Senioren kommen tatsächlich nur für dieses Essen. Sobald alle aufgegessen haben leert sich der Saal zügig. Einige bleiben allerdings noch etwas für die verschiedenen Aktivitäten. So kann man zum Beispiel Wii Bowling spielen, Corn Hole werfen, Karten spielen oder das gute, alte, klischeehafte Bingo-Spiel eröffnen. Ja, sowas nenne ich mit Stolz meine Arbeit!
Abgesehen davon ist der Nachmittag eher ruhig. Nachdem die Tische abgeräumt sind, die alten Tischdecken gewaschen und die neuen eingedeckt wurden, bleibt Zeit für andere Projekte wie z.B. das tägliche Menüschild zu kreieren, neue Essenskarten zu drucken, die Website zu aktualisieren oder vieles mehr. Außerdem kann man sich das WLAN hier zunutze machen falls es nichts mehr zu tun gibt auch mit Freunden oder der Familie skypen, denn bei meinem Zuhause mitten im Wald gibt es sowas nicht. Nach der Arbeit um 17 Uhr geht es dann entweder direkt nach Hause oder noch ein wenig die Gegend erkunden. Paula hat mich die Tage zum Glück ein wenig herumgeführt und mir die wunderbaren Strände und Parks in der direkten Umgebung gezeigt.

Heute mussten wir dann allerdings alle schweren Herzens Abschied von ihr nehmen, und von nun an bin ich wohl der einzige Deutsche im kleinen Hart. Ich bin sehr gespannt was in den nächsten Tagen noch alles auf mich zukommt, denn das Abenteuer hat gerade erst begonnen…

IMG_20170901_194115628_BURST000_COVER_TOP
IMG_20170901_193740042_HDR
IMG_20170903_142401712
IMG_20170903_140332965
IMG_20170901_202104722_BURST000_COVER_TOP
IMG_20170904_173755718_HDR

2 Kommentare

    Moin Linus, spannender Reisebericht...hatte ich nicht etwas von der Carlsberg Bar im Kopenhagener Flughafen erzählt?! :-) Wenn man die Bilder sieht, könnte man meinen, Du befindest Dich an der dänischen Nordseeküste...Bei dieser Landschaft kann man Dir nur einen schönen Spätsommer wünschen. Dann hoffe ich nur, dass die älteren Herrschaften Dich ein wenig mehr fordern - vielleicht solltest Du einen Computerkurs für Senioren durchführen. Hat ja bei mir auch etwas bewirkt...Also, hol di fuchtig...warte gespannt auf den nächsten Eintrag in Deinem Weblog... LG Dieter

    Dieter Hahn | vor 3 Monaten Antworten

    Die Einreise klingt ja doch noch spannender als ich es bis jetzt mitbekommen hatte :) Übrigens, hast du deine kleine Facebook-Seite schon wieder vergessen? ;-) Ich dachte, ich krieg da schon mit, wenn du hier was schreibst und jetzt muss ich feststellen, dass es hier doch schon Einträge gibt ^^ Aber ansonsten wünsche ich dir dann mal, dass es weiter so entspannt und angenehm bleibt :)

    Sebastian Paarmann | vor 3 Monaten Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.