Von freundlicher Security, 95° in der Sahara und einem Totalschaden

Seit etwas über einem Monat bin ich nun in Michigan. Seit einem Monat mitten im Nirgendwo leben, mit lieben Kollegen in einem kleinen Seniorcenter arbeiten, mit dem Auto auf… ach nee, warte mal…

Bevor ich von meinen etwas unschönen ersten Erfahrungen mit „meinem“ ersten Auto berichte, zunächst erst einmal zum schönen Alltag. Der ist nach wie vor sehr abwechslungsreich, sehr schön und bietet auch immer mal kleine Überraschungen.

So zum Beispiel die folgende: Ich hatte den Auftrag zum lokalen County Courthouse zu fahren, denn vereinfacht gesagt brauchten wir im Center eine lokale Adressliste von allen wichtigen Personen im Ort.
Um Zutritt zu diesem öffentlichen Gebäude zu bekommen muss man zunächst eine kleine Sicherheitskontrolle passieren. Normalerweise kennt man diese als überfüllte, lästige und mit unfreundlichen Mitarbeitern besetzte Zwangsstopps. Doch zum Glück lebe ich hier auf dem Dorf. Die beiden Beamten waren die wohl gesprächigsten und freundlichsten Beamten die ich je getroffen habe. Überaus gesprächig erkundigten sie sich nach meiner Herkunft, waren an meiner Arbeit im Center interessiert und fragten sich (und mich) schließlich wie man denn in Deutschland über ihren Präsidenten denken würde. Ich habe bei meinem Ausflug definitiv mehr Zeit mit Smalltalk als mit dem Beschaffen der Adressen verbracht…

Meine gute Laune wurde außerdem durch das gute Wetter verstärkt. Teilweise hatten wir bis zu 32°C im Schatten bzw. 95°F, wie man hier sagen würde. (Ich habe mich immer noch nicht wirklich an diese sehr spezielle und willkürliche Temperaturskala gewöhnt) An das Wetter konnte ich mich allerdings sehr schnell gewöhnen, es war einfach traumhaft schön und die letzte Woche fühlte sich wie ein Sommerurlaub an. Um die Erfahrung perfekt zu machen, gab es fast jeden Tag nach dem Feierabend eine Abkühlung im Lake Michigan, denn meine Gastmutter und ihre Geschwister besitzen ein wunderschönes Ferienhaus, direkt am Strand.

Abgesehen davon habe ich auch noch der Sahara Wüste einen Besuch abgestattet…oder zumindest der Oceana County-Version davon: Die Sanddünen zwischen dem Lake Michigan und Silver Lake. Nur Sand, soweit das Auge reicht. Das geht sogar so weit, dass einige Anwohner sich Sorgen um ihre Häuser machen müssen und bereits ein Bagger im Vorgarten steht – zur Zukunftssicherung.
Je weiter man in die Dünenlandschaft geht, desto faszinierender wird es…ab einem gewissen Punkt fühlt man sich tatsächlich wie in einer Wüste. Unterbrochen wird die Ruhe nur gelegentlich von einigen Offroad Fahrzeugen die dieses Dünengelände ebenfalls durchqueren, allerdings in einem abgesperrten Areal. Wie viele spaßigen Dinge ist das eigene Durchfahren aber erst ab 21 Jahren gestattet…

Ich konnte bis vor kurzem aber wenigstens in meinem etwas betagten Crysler Pacifica durch die Gegend düsen. Konnte… Beginnen wir die traurige Geschichte von vorne:
Vorletzten Samstag sah ich bei einer Fahrt über die üblichen Shelby-Dirtroads in unmittelbarer Nähe ein Schlagloch. Da die Alternative eine ungemütliche Frontalbegegnung mit dem Gegenverkehr war, wählte ich, wenig von den Auswahlmöglichkeiten begeistert, das Schlagloch. Gut, etwas unsanft, aber wenigstens kein Totalschaden. Dachte ich vielleicht etwas zu voreilig…
Auf der Weiterfahrt bemerkte ich, dass mein Auto plötzlich die Angewohnheit hatte, etwas nach links zu steuern. Nachdem schiefe Straßen und Trunkenheit am Steuer als Auslöser ausgeschlossen werden konnten, musste also das Schlagloch etwas damit zu tun gehabt haben. Ich vermutete eine verstellte Spur und eine kurze Unterhaltung mit meiner Gastmutter bestätigte die Theorie. Auch viele andere hatten diese Erfahrung mit einem Schlagloch schon gemacht und das gleiche Resultat erhalten. Nachdem ich an diesem Wochenende wenig beeindruckt, aber mit etwas Bizeps-Training des rechten Arms, noch über die Highways Michigans düste, brachte ich das Auto gleich am Montag in die Werkstatt. Vielleicht war ja doch nicht nur die Spur verstellt? Lieber auf Nummer sicher gehen…
Der Eigentümer ist mit meiner zweiten Gastmutter, ihrerseits Eigentümerin des Autos, verwandt. Etwas überrascht traf ich diese an diesem Montagmorgen bei der Ankunft an der Werkstatt, denn auch ihr Auto hatte ein paar Schwierigkeiten. Nachdem sie mich also vorstellte, ich mein Problem schilderte, den Schlüssel abgab und mir sagen ließ, dass die Reparatur mit Glück schon heute machbar wäre, startete meinen ganz normaler Arbeitstag. Für einen Montag überdurchschnittlich glücklich und wach absolvierte ich meine üblichen und unüblichen Aufgaben und freute mich, als mich meine zweite Gastmutter kurz vor Feierabend anrief: „Juhuu, das Auto ist schon fertig!“, dachte ich.

„Hi Linus, I have bad news for you“. Gut, dass war jetzt nicht unbedingt der gewünschte Anfang der Konversation. Da ist die Reparatur wohl doch etwas teurer als erwartet. Oder dauert etwas länger. Nicht ganz. Der nächste Satz lautete: „The car is junk, you can’t drive it anymore.“ Ich war schockiert. Da ich noch einige Sachen im Auto hatte und wissen wollte, was genau damit los ist, fuhr mich meine Gastmutter nach Feierabend zur Werkstatt. Die gute Nachricht zuerst: Meine Begegnung mit dem Schlagloch ist für den Totalschaden nicht verantwortlich. Die schlechte: Beim Anheben des Autos haben die Mechaniker festgestellt, dass die Unterseite und jegliche sicherheitsrelevanten Teile des Autos absolut verrostet sind. Ein kompletter Kontrollverlust über die Lenkung mitten auf dem Highway – nicht auszuschließen. Eine Reparatur – viel zu teuer, das Auto – ein Fall für den Schrottplatz.
Meine fröhliche Montagslaune wurde spätestens jetzt zerstört. Traurig sammelte ich meine letzten Sachen aus dem Auto, verabschiedete mich von meinem (bis dahin) treuen Weggefährten und verließ winkend und fast schon Tränen unterdrückend die Werkstatt. Gut, vielleicht überdramatisiere ich gerade etwas, aber ein fröhlicher Moment war es trotzdem nicht.

Seitdem fahre ich das Auto von Tinas (Gastmutter 2) Tochter, welche momentan ein Auslandssemester absolviert. Da sie aber in ein paar Monaten zurück kommt und das Auto nicht unbedingt bestens für den Winter auf Shelbys Dirtroads geeignet ist, werde ich mir innerhalb der nächsten Monate oder Wochen wohl oder übel ein eigenes Auto kaufen müssen.

Wie meine Geschichte mit und ohne Auto weitergeht erzähle ich dann ein anderes Mal. Ich genieße hier jetzt erstmal die restlichen warmen Tage, bevor es dann langsam aber sicher dem Winter entgegengeht.

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4 Kommentare

    Hallo Linus, wie du dir vielleicht denken kannst, hält mich deine Mutter ausführlich auf dem Laufenden, nichtsdestotrotz verfolge ich mit großem Vergnügen deinen Blog! Es freut mich sehr wie gut du es getroffen hast und man spürt deine Begeisterung für dein , USA-Jahr'. Lass es dir weiterhin gut gehen und stell bitte immer wieder Fotos mit hinein. Ich wusste bis dato gar nicht wie schön es in Michigan ist! Liebe Grüße, Sabine

    Sabine Hartmann | vor 2 Monaten Antworten

    Hi Linus, voller Freude höre ich, mit welcher Begeisterung du aus Michigan berichtest! Hier geht es nun schon mit Riesenschritten auf den Winter zu und du schmurgelst noch in der Sonne, nicht zu fassen! Wie war denn die Probefahrt am Wochenende mit dem schicken Cadillac?(Mutti hat gepetzt) Ohne Auto geht dort wahrscheinlich gar nichts. Daher will ich mal hoffen, dass das Vehikel noch rüstig ist und sich als guter Kumpel erweist, damit dir die Schlaglöcher nicht wieder den Spaß verderben! In diesem Sinne wünsche ich dir weiterhin viele spannende, aber möglichst erfreuliche Erlebnisse und berichte doch auch mal über den knuffigen Hund deiner Gastmutter. Ich hatte mich schon anhand der Bilder in das Kerlchen verliebt! Liebe Grüße und viele Knuddels von Ute

    Ute Eggers | vor 2 Monaten Antworten

    Moin, Linus ! Keine Reise ohne Abenteuer...In den USA gibt es auch keinen TÜV wie bei uns, oder? Da zieht dann eben das Schlagloch die Rostlaube aus dem Verkehr. Na, es hat sich ja glücklicherweise schon eine andere mobile Lösung gefunden. In der Gegend dürfte man zu Fuß auch aufgeschmissen sein...Ich wünsche Dir weiterhin abwechslungsreiche Tage, positive Erfahrungen und Kontakt zu freundlichen Menschen. Bis bald, Dieter

    Dieter Hahn | vor 2 Monaten Antworten

    Moin Linus, dann sind wir mal auf die nächste Geschichte "Linus und das Autofahren in Amerika", wird bestimmt eine sandige Geschichte, wie aus informierten Kreisen berichtet wird. ;-) Und, wie war deine diplomatische Antwort bezüglich des Pfälzer Nachfahren? Viele Grüße aus KL Rainer und Jürgen

    Jürgen Blank | vor 2 Monaten Antworten

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