Festgefahren

Der letzte Eintrag offenbarte: Ich brauche ein neues Auto. Folglich bestand meine Freizeit in den letzten Wochen überwiegend daraus, einen fahrbaren Untersatz zu finden. Den hatte ich auch gefunden, und daraufhin gleich wieder verloren…

Doch beginnen wir mal wieder von vorne. Nachdem ich relativ überraschend festgestellt hatte, dass die Online-Suche nach Gebrauchtwagen in den USA eher semi-populär ist und man stattdessen sein Auto lieber mit „For Sale“ Schild an die Hauptstraße stellt, oder es dem lokalen Gebrauchtwagenhändler übergibt, hatte ich mich entschlossen zunächst die lokalen Auto-Waisenheime zu besuchen. Eigentlich war ich auf der Suche nach einem SUV-artigen Gefährt, mit möglichst etwas PS, Allradantrieb und einem nicht völlig überdurchschnittlichen Verbrauchswert. Das klingt zunächst nach einem übertrieben hohen Anspruch, ergibt aber Sinn, wenn man sich die Straßen in meiner Umgebung ansieht… Besonders im schneereichen Winter und auf den Dirtroads in meiner Region, wäre ein sportliches, flaches und mit Heckantrieb ausgestattetes Auto einfach eine dumme Wahl.

Aus genau diesem Grund war das erste Auto, dass ich Probe gefahren bin, ein Cadillac CTS aus dem Jahr 2003. Heckantrieb, niedrig gebaut, 218 PS. Das Auto stand einfach zur falschen Zeit am falschen Ort, nämlich beim lokalen Gebrauchtwagenhändler als ich freitagabends nach Autos schaute. Der Preis war für einen Cadillac und die gesammelten Meilen durchaus vertretbar und ich vermutete, dass die Vorbesitzer das Auto recht gut gepflegt hatten. Die Anschaffung dürfte schließlich damals nicht ganz günstig gewesen sein.
Damit lag ich auch richtig. Sowohl innen als auch außen machte das Auto einen sehr guten, gepflegten Eindruck. Der Händler bot mir sofort eine Probefahrt an, und nachdem ich mit einem Grinsen im Gesicht zurückkehrte, aber doch noch nicht bereit war ihm eine vierstellige Summe cash in die Hand zu drücken, bot er mir an das Auto übers Wochenende zu behalten. Ohne jemals einen Führerschein, Ausweis oder sonstiges Dokument von mir gesehen zu haben, übergab er mir damit wieder den Schlüssel für den Cadillac. Er kannte schließlich meine Gastmutter Kathleen, das reicht im kleinen Shelby um Vertrauen zu schaffen…

Meine Gastmutter war relativ überrascht als sie mich mit dem Cadillac auf den Hof fahren sah. Sie hatte an diesem Freitag und am darauffolgenden Samstag einen Saison-Schlussverkauf in ihrer kleinen Antiquitäten-Scheune direkt neben dem Wohnhaus. So traf ich auch noch ein paar andere bekannte Gesichter an, die eigentlich der Scheune einen Besuch abstattet wollten, sich dann aber dafür entschieden lieber mein Auto zu betrachten. Jeder war begeistert von dem Zustand des Wagens und dem (im Verhältnis) niedrigen Preis. Klar, nicht ideal für den Winter, aber was solls.

Am nächsten Morgen war mein Programm klar: Das Auto durch die Gegend fahren. Austesten. Die Lautsprecher mit Bass-lastiger Musik quälen: geht. Mit Heckantrieb auf Dirtroads ausversehen driften: geht. Nach gefühlten 10 Meilen den Tank mit Premium Benzin auffüllen müssen: geht auch.

Doch dann fand ich heraus, dass noch etwas anderes ganz einfach geht: sich festfahren. Es begann wie jede Horrorstory beginnt: mit Google Maps. Denn nachdem ich viele wunderschöne, kurvenreiche aber mir völlig unbekannte Straßen entlangfuhr, entschied ich mich irgendwann den Heimweg anzutreten. Zwar hätte ich sicherlich auch so einen Weg zurückgefunden, aber eben nicht den kürzesten. Und Benzin hatte ich mittlerweile genug verbrannt. Ich startete also die Navigations-App meines Vertrauens. Diese schickte mich immer geradeaus.

Aus der Asphalt-Straße wurde dann irgendwann ein zweispuriger Dirtroad, aus dem zweispurigen Dirtroad ein eineinhalb spuriger Dirtroad, und daraus dann schließlich eine Sandpiste mitten im Wald, die exakt so breit war wie mein Auto, so dass gelegentlich Äste die Spiegel streichelten. Normalerweise wäre ich spätestens an dieser Stelle umgedreht, hätte jeden für bescheuert erklärt der nicht seinem Verstand, sondern einer dämlichen Navigations-App folgt und hätte die schlimmsten „Was wäre, wenn…“ Szenarien prognostiziert. Nicht so in Michigan. Denn ich lebe selber auf genau so einem Dirtroad und bin Straßen wie diese deshalb gewohnt. Außerdem sah ich, dass ich bereits an der nächsten Kreuzung in einer Meile abbiegen würde, auf eine große Hauptstraße. Diese war mir sogar bekannt, da die Straße zum Ferienhaus meiner Gastmutter von dieser Hauptstraße abzweigt.

Ich machte mir also keine Gedanken und folgte meinem Handybildschirm, welcher mir nebenbei bemerkt soeben einen Restakkustand von 15% symbolisierte. Aber wozu sollte ich mein Handy schon brauchen? Ich war ja schließlich gleich auf der mir bekannten Hauptstraße. Nur noch um diese Kurve und dann…ach du Sch*#!+. Die von mir erwartete Kreuzung war in Wahrheit eine 45° steile Rampe bestehend aus Sand, Schotter und tiefen Schlaglöchern. An der Spitze direkt der Übergang zur Hauptstraße, ohne eine ebene Fläche zum Umschauen und vorsichtigen einfädeln in den Verkehr. Es ergaben sich für mich drei Optionen:

  1. Langsam hochfahren um den Verkehr zu beobachten. Unmöglich, insbesondere in einem heckangetriebenen Cadillac. Die Reifen drehen durch und das Auto bewegt sich rückwärts, nicht vorwärts.
  2. Mit Schwung hochfahren. Vorteil: Ich würde es vermutlich den Hügel hoch schaffen, mit Glück sogar ohne den gesamten Unterboden des Cadillacs zu zerstören. Nachteil: Die recht wahrscheinliche, unfreiwillige, ungemütliche, seitliche Begegnung mit einem 55 Meilen pro Stunde fahrenden Pickup-Truck auf der Hauptstraße.
  3. Die soeben absolvierte Meile auf der engen Straße, die auf beiden Seiten eine Fehlertoleranz von ca. 5cm erlaubt ohne einen Baum zu treffen, im Rückwärtsgang zurückfahren. Genug Platz zum Wenden gab es nicht.

Da sie weder das Überwinden der Schwerkraft voraussetzte, noch meinen sofortigen Tod bedeutete, entschied ich mich für die letzte Option. Da ich hier allerdings einen überdimensionierten Leihwagen auf einer engen und mit Bäumen begrenzten Straße entlangfuhr, entschloss ich mich so früh wie möglich zu wenden. Ich hatte Angst auf meiner mir bevorstehenden Route doch noch einen Baum mitzunehmen, oder sogar Gegenverkehr zu begegnen.

Die „geeignete“ Stelle fand ich dann auch schließlich, knappe 200 Meter von der Hauptstraße entfernt. Auf der linken Seite ging ein kleiner Weg in den Wald hinein, sandig, aber breit genug um mit dem Auto befahren zu werden. Ich fuhr extra zunächst an dem Weg vorbei um dann wieder vorwärts in den, im 90° Winkel abzweigenden, Weg abbiegen zu können. So würden meine Hinterräder auf dem annähernd befahrbaren Dirtroad bleiben und somit nicht den Halt verlieren, wenn ich rückwärts in die entgegengesetzte Richtung wenden würde. (Wer den Überblick verloren hat, darf keine einen Blick auf meine wunderschöne, maßstabsgetreue Zeichnung weiter unten werfen).

Leider waren Theorie und Praxis mal wieder zwei verschiedene Dinge, denn bedingt durch die Abschüssigkeit des Weges und den, durch den Motor bedingten, Schwerpunkt im vorderen Teil des Autos, rutschte der Cadillac den Sandweg herunter und blieb dort stecken. Damit hatten die Hinterräder keinen Halt mehr auf dem Dirtroad, sondern waren vielmehr auf dem weichen, feuchten Sand des Wanderweges angelangt. Jedes Anfahren verursachte nur ein Eingraben der Hinterräder und verschärfte das Problem damit. Das Unterlegen von Ästen und Steinen half minimal, war aber nicht ausreicht um die Steigung des Weges zu bewältigen. Das wars dann wohl. Mein Cadillac gestrandet im Sand. Ich irgendwo im Nirgendwo, Handy auf 15%. Erfolgreiche Probefahrt. Gut gemacht Linus.

Ich ließ mein Auto zurück und ging zu Fuß zurück zur Rampe an der Hauptstraße. Als ich oben angelangt war, erkannte ich wo ich war: Direkt auf der anderen Straßenseite führte der Weg zu Kathleens Ferienwohnung. Im Notfall könnte ich also dahinlaufen, telefonieren und mir etwas zu trinken besorgen. Außerdem konnte ich ihr dadurch beim folgenden Telefonat recht einfach erklären, wo ich gerade bin. So wusste zumindest schonmal meine Gastmutter Bescheid. Da sie aber noch mit ihrem Schlussverkauf beschäftigt war und außerdem keinen Abschleppwagen im Garten geparkt hatte, riet sie mir den AAA (quasi der amerikanische ADAC) anzurufen.

10 Minuten in der Warteschlange und 5% Akku weniger versicherte man mir dann, dass ein Abschlepp-Truck alarmiert wird. Dauer bis zur Ankunft 30-45 Minuten. 15 Minuten später ein Rückruf, man wolle sich versichern, dass mein Auto nicht weiter als 50 Meter von dem Dirtroad entfernt ist. Nachdem ich bestätigte, wurde mir erneut versichert, dass sich bald ein Truck auf den Weg machen wird. Die Zeitangabe jetzt 45-60 Minuten. Ich ging wieder zur Hauptstraße hoch, um den Truck abzufangen.

Schon ein paar Minuten später hielt ein Fahrzeug. Es war allerdings kein Abschleppdienst, sondern vielmehr „Frany“ mit ihrer Tochter und zwei Enkeltöchtern. Ich kenne diese nette Dame aus dem Seniorcenter. Selber zwar bereits im höheren Alter, hilft sie regelmäßig im Center beim Essenverteilen. Sie war gerade in Kathleens Antiquitäten-Scheune als ich mit ihr telefoniert hatte und war somit über meine Situation informiert. Da sie sich eh mit ihrer Familie auf dem Weg zu ihrer eigenen Geburtstagsfeier befand und ihre Route über die angesprochene Hauptstraße führte, hielten sie an. Nach einer kleinen Familien-Vorstellungsrunde, entschied ihre Tochter mich mit ihrem Auto aus dem Sand ziehen zu wollen. Nachdem ich erzählte, dass der AAA bereits auf dem Weg war und ich nicht wollen würde, dass auch noch sie im Sand stecken bleiben würden, hatte die verrückte Familie die nächste glorreiche Idee. Sie würden mich einfach per Hand rausschieben.

An sich noch ein recht sinnvoller Vorschlag mit Chancen auf Erfolg. Allerdings waren die vier Frauen unterschiedlichen Alters allesamt schön für Franys Geburtstag angezogen. Die Feier sollte in einer halben Stunde starten. Nicht unbedingt der beste Zeitpunkt und Outfit für eine Pannenhilfe. Nachdem ich logischerweise dankend ablehnte, entschieden sie sich das festgefahrene Auto zumindest ansehen zu wollen.

Vor Ort angekommen, wurde dann der Entschluss gefasst: „We’ll push you out. Get in the car!“. Absolut chancenlos gegen die Entschlossenheit der drei Frauen (Frany war oben in ihrem Auto geblieben), überredete ich meinen Hilfstrupp zumindest selber beim Schieben zu helfen und jemand anderen ins Auto zu setzen – die Mutter übernahm daraufhin das Steuer.

Dann begann das Unglaubliche. Der unheimlich schwere, festgefahrene Koloss begann sich angetrieben durch 218PS und 3 Menschen tatsächlich zu bewegen. Die leichte Steigung bereitete zwar anfangs weiterhin Schwierigkeiten, aber nach mehreren Versuchen, Traktionshilfen durch Äste und Asphalt-Brocken und die volle Kraft und Überzeugtheit von allen Beteiligten, stand der Cadillac schließlich, begleitet von einem – oder eigentlich vier – lauten Freudenschreien, wieder auf dem Dirtroad. Da es deutlich einfacher war, das Auto auf dem gleichen Weg wieder hochzuschieben wie es auch runtergerutscht war, stand es zwar weiterhin entgegengesetzt zu meiner gewünschten Fahrtrichtung, aber das war mir nach meiner erfolgreichen Rettung nun absolut egal.

Nach vielen Umarmungen und tausenden „Thank you’s“ fuhr ich die Meile im Rückwärtsgang, bis die Straße wieder breit genug zum Wenden wurde. Den AAA konnte ich abbestellen, das Auto am Montag beim Händler abgeben. Für den Winter (oder Michigans Dirtroads) ist es wohl wirklich nicht geeignet. Wer hätte das gedacht!

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2 Kommentare

    Linus, der Abenteuerer. du solltest Drehbücher für Hollywood schreiben! Du erlebst ja schon sehr viel in Michigan. Ich wusste gar nicht, dass da diese Wüste ist und die dirt roads..... Also, da muss ich selber auch mal hinfahren. Die Story mit den Ladies war absolut göttlich. Hab' noch recht viel Spass! Liebe Grüße, Maria

    Maria | vor 2 Monaten Antworten

    Moin Linus ! Deine Liebe zum Film offenbart sich auch hier! Die Story hat ja fast schon Drehbuch-Charakter. Ob Komödie, Drama oder Dokumentation - alles vorstellbar. Ansonsten - You need a real pickup, man ! GM oder Ford Pickups müsste es da doch an jeder Ecke geben. Und denke dran - da kannst Du mit einem Sechs- oder Achtzylindermotor auch noch richtig Spaß haben. Hier in Deutschland sind diese Motoren heute schon verpönt und morgen bestimmt verboten...Viel Erfolg bei der Fahrzeugsuche. Liebe Grüße, Dieter

    Dieter Hahn | vor 2 Monaten Antworten

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