Sprechen Sie Deutsch?

Normalerweise müsste ich mal wieder mit den üblichen Entschuldigungen beginnen, denn es gab schon seit Ewigkeiten keinen Blogpost mehr. Doch da das Ganze mittlerweile leider schon zum Standard verkommen ist, überspringe ich diesen Teil einfach und starte direkt mit einer Zusammenfassung meiner letzten Monate.

Diese Zeit war überwiegend durch eines geprägt: Deutsche. Ja genau, die haben sich doch tatsächlich nach Michigan verirrt! Nun ja, einige davon waren eigentlich schon etwas länger hier, schließlich handelte es sich um meine „Mitfreiwilligen“. Die sind größtenteils genauso lange in den Staaten wie ich und arbeiten in anderen sozialen Projekten in Michigan, Illinois, Maine und Florida. Mitte Februar gab es dann das sogenannte Zwischenseminar. Geplant war das eigentlich ursprünglich in New Orleans, weil wir uns einig waren, dass wir (Florida Menschen mal ausgenommen) genug von der Kälte und dem Schnee hatten. Ich war voller Freude: Reisen und dem Michigan-Winter entkommen? Sign me up!

Naja, es kam anders. Leider fehlten dann doch die finanziellen Mittel recht unerwartet, und so verkürzte sich meine Reisezeit zum Zwischenseminar dramatisch auf 10 Minuten. Ja, richtig gehört! Das Zwischenseminar fand nämlich in Shelby, Michigan statt. Aufmerksamen Lesern wird dieser Ort jetzt bekannt vorkommen, denn dort lebe ich momentan. Wenig fasziniert von der Location (Versteht mich nicht falsch, ich liebe Shelby! Aber während alle anderen ein kleines Abenteuer hatten und etwas völlig Neues entdecken konnten, war ich in meinem wohlbekannten Umfeld) war das Zwischenseminar ansonsten aber doch recht lustig. Zusammen mit 11 weiteren verrückten Deutschen gab es neben sinnvollen Unterhaltungen über die Vorzüge und eventuellen Probleme unseres Freiwilligendienstes auch etliche lustige Abende.

Als dann jeder nach zehn Tagen wieder seinen Heimweg antrat, war es gefühlt erstmal sehr einsam. Zumal meine Gastmutter Kathleen sich zu dieser Zeit gerade auf einem verdienten Urlaub in Italien befand. Doch meine Einsamkeit sollte nicht lange halten, denn neben Kathleens Rückkehr kündigte sich auch bald der nächste Besuch an.

Julian, ein alter Freund aus Deutschland, kam zu Besuch! Nach einigen Tagen in Chicago hatten wir geplant nach Los Angeles zu fliegen. Schließlich war es Ende März und somit weiterhin eiskalt in Michigan. Da tut etwas Sonne tanken ganz gut.
Nach einer pünktlichen Landung an der Pazifikküste ging es dann den Mietwagen abholen. Das klingt jetzt so alltäglich, war aber tatsächlich ein gar kein so einfaches Unterfangen. Die Amerikaner haben nämlich eine sehr eigenartige Definition der Volljährigkeit: Zwar dürfen jugendliche US-Bürger mit 18 Jahren wählen gehen, dem Militär beitreten oder eine Schusswaffe kaufen, doch viel Erfolg in diesem Alter ein Bier zu kaufen, ein Hotelzimmer zu buchen oder einen Mietwagen zu reservieren… Während die großen Ketten sich nicht mit solchen „Kleinkindern“ abgeben (Fun Fact: In den Staaten Michigan und New York müssen Mietwagen-Anbieter gesetzlich tatsächlich auch Autos an 18+ Jährige vermieten) gibt es einige, wenige, lokale Unternehmen die diese Lücke ausfüllen und auch Autos an jüngere Leute vermieten. Die vermieten zwar meistens etwas ältere Autos, und laut Online-Bewertungen teils auch sehr marode, doch in LA ist man ohne Auto einfach aufgeschmissen.

Mit etwas mulmigen Gefühl riefen wir also die Autovermietung an. Die sollten uns an einem Treffpunkt nahe des Flughafens abholen. Nachdem nach 30 Minuten immer noch niemand erschien, rief ich erneut an. Nach etwas hin und her hieß es dann: „Der Kollege steckt wohl im Stau, ich hol euch einfach kurz selbst ab!“. Und das passierte dann auch. Wie sich rausstellte war das der Chef des Ladens und wirklich ein super netter und sympathischer Typ. Nach kurzer Zeit gab er mir dann den Schlüssel zu einem älteren weißen Toyota Corolla und dann ging es auch schon los. Linus und Julian im LA-Traffic, auweia.
Trotz begrenztem Orientierungssinn meines Beifahrers schafften wir es sicher und problemlos durch die Millionenstadt Los Angeles. Und ich muss sagen: Mir gefiel das Fahren in der kalifornischen Großstadt sogar besser als im eigentlich mittlerweile gewohnten, ähnlich verstopften Chicago.

In drei Tagen sahen wir den Venice Beach, Santa Monica Pier, das Hollywood Boulevard, Hollywood-Sign, Beverly Hills, Griffith Observatory, Downtown, Warner Brother Studios und alles andere was ein typischer Tourist so mitnehmen muss. Obwohl dies bereits mein zweiter LA-Besuch war, beeindruckt LA einfach immer wieder aufs Neue.

Dann stand leider der Rückflug an, und noch am Flughafen schrieb mir Kathleen: „Ihr solltet vielleicht eure Reispläne überdenken. In Michigan fängt es gerade wieder an zu schneien“. Nun, wir mussten natürlich erstmal zurück. Zum einen, weil ich Julian gerne meine neue Heimat zeigen wollte, zum anderen da noch eine Wette nicht abgeschlossen war: Sprung in den Lake Michigan, egal wie das Wetter ist. Obwohl ich nicht derjenige war welcher diese verrückte Idee einlösen musste, habe ich mich dann schließlich auch dazu bereiterklärt und so gab es für uns beide eine schöne Abkühlung bei 2°C Außentemperatur. Danach stand fest: Wir müssen uns dringend aufwärmen. Einige Leute denken jetzt an eine Tasse heiße Schokolade oder eine warme Dusche. Wir dachten uns: Florida!

Nach einer Last-Minute Buchung ging es kurz darauf los nach Miami. Die Klimaumstellung geschah schnell und deutlich spürbar. Vom kalten, trockenen Michigan-Wetter auf feuchte Miami-Hitze. Da bleibt einem nichts anderes übrig als sich an den Strand zu legen…ach wie grausam! Zugegeben, für uns Westeuropäer war diese Hitze dann tatsächlich irgendwann zu stark und wir verzogen uns immer mehr in den Schatten. Am letzten Tag gab es jedoch noch einmal volles Hitzeprogramm. Wir wollten runter zu den Keys, eine Inselkette am südlichsten Zipfel Floridas.

Da ich zu blöd war meinen internationalen Führerschein aus dem Auto in Chicago mitzunehmen, konnten wir uns vor Ort keinen Mietwagen besorgen. Also schnell Last-Minute eine Bustour gebucht, nicht die erste spontane Entscheidung auf diesem Trip.
Die boten dann auf der Fahrt verschiedene Attraktionen auf Key West zum Sonderpreis an (Spoiler: Das waren keine Sonderpreise). Jetski fahren zog unsere Aufmerksamkeit auf sich und wir gingen auf das semi-seriös wirkende Angebot ein. Das ungute Gefühl bestätigte sich als wir, am Busparkplatz angekommen, zu einem stark runtergekommenen Shuttlebus gelotst wurden. Wohlgemerkt ohne Rechnung oder sonstigen Beleg, dass wir bereits unseren Tour-Guide für die Jetski-Fahrt bezahlt hatten, kamen wir an. In einem relativ zerfallenen Hafengebiet standen einige Holzbänke, ein winziges Kioskhäuschen und ein paar Jetskis. Nachdem ich dem verantwortlichen Herren erklärte, dass wir vom Bus kommen (ja, das reicht offensichtlich als Zahlungsbeweis aus), ließ er uns 10 Seiten kaum lesbare Verträge und Sicherheitsbestimmungen unterschreiben. Nicht ganz sicher ob ich soeben eine Waschmaschine gekauft hatte oder nur ausgesagt hatte, im Schadensfall als Ersatz eine Yacht zu kaufen, ging es dann auch schon los. Und ab hier wurde zum Glück alles besser: Denn die Fahrt war der Hammer!

Durch traumhaftes, klares und erstaunlich flaches Gewässer ging es vorbei an den schönsten Landschaften und das ganze in einem wahnsinnigen Tempo und mit einem riesen Grinsen im Gesicht. Unsere Guides kannten sich definitiv aus in ihrem Gebiet und zeigten uns einige spannende Locations. Wir sind uns zwar immer noch nicht ganz sicher ob das ganze so erlaubt war, oder wir dabei einige Naturschutzgebiete durchquert haben, aber das sei jetzt einfach mal so dahingestellt.

Noch ein Vorteil der Jetskifahrt war die kühlende Luft und Gischt während der Fahrt. Zurück auf dem Festland war es nämlich fast unerträglich heiß. Nachdem wir uns einen überteuerten Burger und ein noch überteuerteres Eis gönnten (16 Dollar für 3 Kugeln? Wie bitte?!), den südlichsten Punkt der USA besuchten und entschieden, dass Key West mehr Ähnlichkeit mit der Karibik als mit den USA hat, ging es zurück zum Bus und am nächsten morgen zurück nach Chicago. Für Julian ging es von dort an dann wieder nach Deutschland, und für mich ins beschauliche Shelby. Doch was für ein Trip das war!

Einen knappen Monat später gab es bereits wieder Besuch, diesmal von meinen Eltern. Auch in Chicago landend brachte ich sie zunächst nach Michigan, schließlich wollten sie ja meine zweite Heimat kennenlernen, genauso wie meine Gastfamilie. Ein paar Tage später stand dann eine kleine Rundreise an: Zunächst ging es Richtung Norden. Wir wollten die Sleeping Bear Dunes in Michigan sehen. Normalerweise ein traumhafter Ort welcher mir von zahlreichen Senioren, Kollegen und Freunden empfohlen wurde. Für uns leider ein kleiner Reinfall, denn die Sicht war an diesem Tag…begrenzt. Nebel soweit das Auge reicht. Sichtweite geschätzte 10 Meter.

Leicht enttäuscht ging es weiter nach Petoskey, einen Tag später rüber zur Upper Peninsula (UP). Das ist wirklich eine andere Welt, besonders eine Welt der Einsamkeit und der Mücken. Denn das was es der UP an Einwohnern fehlt wird durch gigantische Mückenschwärme ergänzt. Riesige schwarze „Wolken“ voller Insekten sammeln sich besonders über sumpfigen und feuchten Gebieten. Trotz einigen schönen Flecken wie den Pictured Rocks flüchteten wir einen Tag später über die Grenze: Ab nach Kanada! Diesmal eine problemlose Einreise, ohne Sonderkontrolle. Es geht doch.

Da wir die Einöde nun bereits gewohnt waren fuhren wir für die erste Nacht auf die Manitoulin Island. Im Vergleich dazu wirkte die UP schon fast wie die reinste Großstadt. Ohne Lärm oder Wlan verbrachten wir also eine Nacht in einer kleinen, von Indianern geführten Lodge. Zugegeben, es war schon entspannend. Besonders verglichen zum Folgetag. Da ging es nämlich nach Toronto.

Nachdem ich mich reichlich über kanadische Autofahrer und Verkehrsregeln aufgeregt hatte (90km/h auf der „Autobahn“?! Also bitte…) überzeugte mich auch die kanadische Großstadt nicht wirklich. Vielleicht waren wir einfach zu kurz da, und auch das Wetter war nicht allzu prächtig, doch im Vergleich zu z.B. Chicago wirkte Toronto wirklich wie eine dreckige, langweilige Großstadt. Industriegebiet statt schöner Hafenpromenade und Betonplatten statt Parks. Aber wenigstens durfte ich hier seit Ewigkeiten mal wieder in der Öffentlichkeit einen alkoholischen Drink kosten. Immerhin etwas.

Am Folgetag dann wieder das Kontrastprogramm. Von Großstadt zu Naturspektakel: die Niagarafälle. Und was soll ich da schon groß sagen – einfach traumhaft und vermutlich sogar mein Lieblingsstopp auf der Reise. Die Fälle sind einfach beeindruckend. Mit einem kleinen Boot brachte man uns da hin, wo das Wasser aus etlichen Metern Höhe wieder auf den Boden trifft. Zwar ist der entstehende „Wind“ dort unten enorm und man wird gut durchnässt, aber erst dadurch erkennt man was für eine Kraft die Fälle eigentlich haben. Und auch die Beleuchtung bei Nacht bringt eine wunderbare Atmosphäre.

Anschließend ging es dann mit einem kleinen Zwischenstopp über Chicago – eine Stadt, die mir immer besser gefällt je öfter ich da bin – für die letzten verbleibenden Tage wieder zurück nach Shelby. Zum Glück stand das Standhaus von Kathleens Familie gerade zur Verfügung und so konnten wir noch ein paar wunderschöne Tage am Lake Michigan verbringen. Und dann waren auch diese 14 Tage schon wieder vorbei.

Mindestens genauso schnell nähert sich übrigens auch mein Freiwilligendienst bereits dem Ende. Knappe zwei Monate verbleiben noch, dann steige ich bereits wieder in Grand Rapids in den Flieger und mache mich auf den Weg Richtung Hamburg. So sehr ich mich auch über das Wiedersehen von Freunden und Familie, den vermissten Döner, sowie meines Hundes freue…das hier alles zu verlassen? So wirklich vorstellen kann ich mir das noch nicht.

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4 Kommentare

    Nachdem wir das große Glück hatten, Linus‘ Michigan Mum, Freunde, alle Mitarbeiter und Senioren des Senior Centers kennenzulernen, möchte ich noch kurz ergänzen, dass wir bewegt waren, auf so viele liebenswerte, herzliche, offene und positive Menschen zu treffen. Vom ersten Tag an gaben sie uns das Gefühl, alte und gute Freunde zu sein. Danke! Kein Wunder also, dass sich Linus dort so wohl fühlt :).

    Maren Moser | vor 4 Wochen Antworten

    Hey Linus, andere machen Urlaub an einem Ort, und wir fliegen mit einer rekordverdächtigen Spontaneität im Zickzack durch die USA. War eine echt mega tolle Erfahrung und hat super viel Spaß gemacht. Ich hoffe du hast noch eine schöne Restzeit in deiner zweiten Heimat und einen tollen Roadtrip mit dem nächsten Besuch aus Deutschland :D

    Julian | vor 4 Wochen Antworten

    Es macht mir immer wieder Spass, deine Berichte zu lesen. Sehr gut! Ich bin übrigens auch Chicago Fan. Da müsste ich auch mal wieder hin. Danke und noch eine schoene Zeit!

    Maria | vor 4 Wochen Antworten

    Hallo Linus, das klingt doch alles mehr nach Rock`n Roll und nicht nach der systematischen Vorbereitung auf einen geordneten "nine to five Job"... Klar...Als potentieller Kulturschaffender braucht man halt vielfältige Impulse! Bitte melde Dich, wenn Du wieder in "Good Old Germany" zurück bist. Ansonsten wünsche ich Dir noch einige sommerliche Badetage im Lake Michigan - bei deutlich mehr als nur 2°C ....Liebe Grüße, Dieter & Sabine

    Dieter Hahn | vor 1 Woche Antworten

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